Medico – Kräuter, Können & Kalkül (Preview)
Stefan Feld ist einer der produktivsten Spieledesigner unserer Zeit. Auch in diesem Jahr legt er – neben den Neuzugängen seiner bekannten Städtereihe – überraschend noch ein weiteres Spiel vor: ᴍᴇᴅɪᴄᴏ erscheint im Herbst bei Hall Games ↗ und setzt damit die langjährige Zusammenarbeit zwischen Autor, Redakteur und Verlagsgründer Ralph Bruhn ↗ und Grafiker Dennis Lohausen ↗ fort.
eine Rezension von Pete Schwär (Brettseggel)
Medico
Spielidee von Stefan Feld
Illustrationen von Dennis Lohausen
Hall Games 2026
für 2-4 Personen in 60-90 Minuten
endllich wieder Mittelalter

darum geht’s in medico
Thematisch entführt uns ᴍᴇᴅɪᴄᴏ in die Welt eines weltbekannten Romans, erzählt dabei aber seine ganz eigene Geschichte. Die Spielenden verkörpern Bader – also mittelalterliche Naturheiler und Wundärzte –, die ihr medizinisches Können ausbauen und erfolgreich anwenden wollen, um zum angesehenen Medicus aufzusteigen.
das reisen ist des baders lust
Als Bader reisen wir durch Regionen der Welt, die sich auf dem Spielplan aus zufällig und kreisförmig angeordneten Elementen zusammensetzen. Namen haben diese Regionen nicht; die grafische Gestaltung versetzt uns Bader gefühlt in die Toskana, nach Asien oder in den Orient. Dahinter verbirgt sich übrigens ein charmantes „Easter Egg“: Jede der Regionen steht für eines der sieben bisher bei Hall Games erschienenen Spiele.

In jeder Runde wählen wir gleichzeitig und verdeckt unser Reiseziel: Auf einer Auswahlscheibe markieren wir die gewünschte Region. In Zugreihenfolge werden die Zielscheiben aufgedeckt und die Reisen abgehandelt. Dabei reisen wir als Bader immer auf dem kürzesten Weg zwischen zwei Regionen und können unterwegs Heilmittel wie Ringelblumen, Blutegel, Kräuter oder Alraunen aufsammeln – sofern wir sie noch verstauen können.
Am Zielort stehen uns verschiedene Möglichkeiten offen. Wir können Heilmittel verkaufen, Briefe abliefern, neue Rezepte erwerben oder eine der zentralen Aktionen ausführen – etwa Kranke heilen, Lehrlinge einstellen oder medizinisches Gerät anschaffen. Und treffen wir auf den gelehrten Medicus, können wir uns sogar weiterbilden. Ein solches neues Wissen können wir dann mit einer symbolisch passenden Eule auf unserem Tableau markieren.

zurecht ein kennerspiel
Daraus entsteht ein knackiges Optimierungspuzzle, dessen Regeln schnell verstanden sind. Die Entscheidungen haben es aber in sich: Auf welchem Weg liegen die für mich jetzt hilfreichsten Heilmittel und was kann ich an meinem Zielort machen? Verkaufe ich meine gesammelten Heilkräuter, um endlich wieder Geld in die Kasse zu bekommen, oder brauche ich einen neuen Heiltrank für mein Rezept? Soll ich versuchen, mir beim Medicus neue Fähigkeiten zu sichern, verzichte dafür aber auf etwas anderes?
Interaktiv wird das Puzzle vor allem durch die Spielreihenfolge. Ich muss genau im Blick behalten, wann ich an die Reihe komme: Liefert meine Mitspielerin die Pilze vor mir auf den Zielmarkt, kann es sein, dass ich mir die benötigten Werkzeuge nicht mehr leisten kann. Die Wettrennen darum, wer zuerst gewisse Bedingungen erfüllt – z. B. als Erster 5 Lehrlinge anstellt, 4 Rezeptbücher erfüllt oder 6 Briefe überbringt –, bringen ein weiteres kompetitives Element ins Spiel.
auf der suche nach dem optimalen zug
Bei keiner Reise gehe ich je völlig leer aus. Ein Zug, bei dem alles gelingt und alles aufgeht, war in unseren ersten Partien selten – und sorgt dann für echte Glücksmomente. Gleichzeitig ist jeder einzelne Zug entscheidend, denn wir spielen nur 8 Runden. Runden, in denen ich auch während der Aktionen der Mitspielenden dauerhaft damit beschäftigt bin, meinen nächsten Zug zu einem Volltreffer zu machen.

Auch wenn der Ablauf sehr eingängig ist, gibt es doch enorm viele Details, die es zu berücksichtigen gilt. Die grafische Gestaltung hilft dabei bestens, nichts zu übersehen – sei es zum Beispiel mit dezenten Pfeilen auf dem eigenen Tableau zur Lagerung der Heilmittel oder mit den Symbolen zum Durchlaufen der Stationen in einer Region auf dem zentralen Spielfeld. Es sind solche kleinen, unaufdringlichen Orientierungshilfen, die zeigen, wie viel redaktionelle Arbeit in ᴍᴇᴅɪᴄᴏ steckt.
so sieht’s aus
Das Material insgesamt unterstützt die thematische Einbindung: sei es durch die wunderschönen und optisch gut unterscheidbaren Heilmittel, die bedruckten Bader-Figuren, die Äskulapstäbe zur Wertung der Errungenschaften oder ganz übergreifend durch die stimmungsvolle Darstellung der Regionen auf dem Spielbrett.

So sammelt sich in der Schachtel eine – auch wieder Stefan-Feld-typische – Menge an Plättchen, Markern, Karten und Holzfiguren. Für diese Materialfülle würde ich mir persönlich noch einen Sortiereinsatz wünschen, um schneller zum Spiel zu kommen und mich nicht durch Berge von Plastiktütchen kämpfen zu müssen. Angesichts der Menge wäre das zwar ein zusätzlicher Kostenfaktor – für ein Spiel dieser Größenordnung aber durchaus wünschenswert.
für wen ist medico
ᴍᴇᴅɪᴄᴏ ist ein schnell zugängliches und gleichzeitig herausforderndes Kennerspiel mit angenehm kompakter Spielzeit. Zehn Jahre nach Das Orakel von Delphi ↗ greift Stefan Feld erneut auf Pick-up & Deliver ↗ als Kernmechanik zurück, entwickelt diese aber spürbar weiter.
Die einzelnen Züge fühlen sich flüssiger an und sind durch ihre zahlreichen Nebenaktionen belohnender. Gleichzeitig sorgen die Unwägbarkeiten der Spielreihenfolge für taktische Spannung und Interaktion, ohne dass das Spiel konfrontativ wird.
ᴍᴇᴅɪᴄᴏ quacksalbert nicht – es belohnt die Kunst des richtigen Zugs. Damit spricht es meine Eurogamer-Seite ebenso an wie meine Neigung zu immersiven Spielen.
Ich bedanke mich bei Hall Games für die Leihe des finalen Prototypen.

Diese Rezension stammt von Brettseggel Pete.
Pete spricht und schreibt am liebsten über Spiele, die er mag. Die anderen spielt er nicht oft genug, um sich ein Urteil anmaßen zu wollen.
