Cubaneo – von der Plantage ins Parlament
Kuba – die Insell weckt Bilder von gepflegtem Müßiggang bei kühlem Cocktail, von eigener Lässigkeit im Straßenkreuzer oder vom Kampf um revolutionäre Ideale. In Cubaneo wird allerdings schnell klar: Jenseits aller romantischen Träumerien geht es hier um wirtschaftlichen Erfolg in einem sehr fragilen Umfeld. Wir befinden uns nämlich in der Zeit vor der sozialistischen Revolution. Korruption und politische Willkür sind weit verbreitet und prägen das Land unter dem Diktator Batista.
Cubaneo
Spielidee von Michael Rieneck und Stefan Stadler
Illustrationen von Michael Menzel und Stefan Sonnberger
Deep Print Games 2026
für 2-5 Personen in 75-120 Minuten
Wirtschaftsspiel

darum geht’s in cubaneo
Wir wollen zu Reichtum kommen. Dazu bewirtschaften wir unsere Plantagen, verschiffen Waren über die Weltmeere, bauen Gebäude wie eine Bank oder eine Schnapsbrennerei. Und nebenbei beeinflussen die Parlamentarier für gedeihliche Gesetze.
moment, das kenne ich doch?
Dieses Setting mag vielleicht bekannt vorkommen: Cubaneo ist eine neue Fassung der Klassikers Cuba ↗ aus dem Jahr 2007, das die seither schwer zu ergatternde Erweiterung Cuba: El Presidente ↗ in das Spiel integriert. Kleinere Anpassungen unter der Überschrift redaktioneller Feinschliff dienen Spielfluss und Balance, verändern die Spielmechanik jedoch nicht. Kennst Du Cuba nicht? Dann weiterlesen!

hier geht’s weiter
Cubaneo spielt sich über sechs Runden und darin verschiedene Phasen. In der Aktionsphase spiele ich vier meiner fünf Handkarten aus und nutze damit den Charakter. Der Arbeiter erntet Bau- und Rohstoffe auf meiner Plantage, die Händlerin kauft und verkauft am zentralen Markt, der Bürgermeister erlaubt mir, Güter auf die im Hafen liegenden Schiffe zu liefern.
Den verbleibenden Charakter sende ich ins Parlament, um die neuen Gesetze zu beeinflussen. Und in Kuba sind vor dem Gesetz nicht alle gleich: Der Bürgermeister kann im Capitol mehr ausrichten als der fleißigste Arbeiter! Die Frage lautet also ständig: Welche Aktion ist mir wichtiger – und auf welche davon kann ich verzichten, um politisch Einfluss zu gewinnen?

vamos a la playa
Zuvor lohnt sich sich aber ein Blick auf die Strandpromenade. Dort kann ich Spezialisten anheuern. Der Tagelöhner schafft mir beispielsweise meine verderblichen Rohstoffe ins Lager, der Musiker erspielt mir 2 Peso. Hier ist gutes Timing aus zwei Gründen gefragt. Meine Mitspielenden können mir diese Spezialisten vor der Nase weg anheuern. Und gleichzeitig ist mit der Position einer Charakterkarte auch ein Ereignis verbunden, das ich durch meine Wahl verhindere.

Ein Charakter bleibt übrig, sein Ereignis betrifft uns alle. (In der Erweiterung El Presidente löste der Präsident dieses Ereignis aus, indem er mit seinem Straßenkreuzer den Platz belegte – thematisch fand ich das ganz treffend, um die staatliche Willkür zu unterstreichen. Cubaneo ist hier weniger plakativ).
Eine frühe Auswahl einer solchen Charakter-Karte verschafft mir viele Optionen, lässt mich aber nicht steuern, welche Verordnung alle Spielenden trifft. Will ich aber ein Ereignis verhindern – wie als Führender zwei Punkte abzugeben – muss ich die bei dieser Karte liegende Karte wählen. Ich kann mit meiner Wahl allerdings auch meine Mitspielenden bewusst blockieren, etwa wenn meine Nachbarin dringend das Geld des Musikers braucht.
die wahre macht hat die politik
Habe ich das alles gemacht, ziehe ich, hoffentlich gut vorbereitet, in das Capitol ein. In jeder Runde wird über neue Gesetze abgestimmt. Da gilt es, meine Stimmen so einzusetzen, dass mich die Gesetze idealerweise begünstigen. Ich kann beispielweise meinen Tabak versilbern und dafür sorgen, dass die Konkurrenz auf den Zitrusfrüchten sitzen bleibt. Zumindest sollen den anderen nicht in die Karte spielen. Hier zählt mein (Stimmen)Einfluss – oder aber ich habe das nötige Kleingeld, denn damit kann sich mein Arbeiter noch Stimmen kaufen.

Diese Abwägung zwischen der Aktion der Charakterkarte und der Stimmen im politischen Prozess sollte ich früh in der Runde treffen. Die Politik ist nicht nur Zusatzmechanik, sondern kann meinen wirtschaftlichen Erfolg enorm beeinflussen. Geld ist in Cubaneo nicht nur Teil des Wirtschaftskreislaufs, durch den Stimmenkauf wird es zur politischen Macht – und ein Gesetz wird vielleicht eine wichtigere Investition als die Zigarrenfabrik auf meiner Plantage.
zurück zu den wurzeln
Und darüber hinaus muss ich mich ja noch um meine Plantage kümmern. Meine Erträge werden beeinflusst, ja manchmal sogar behindert, durch meine neuen Gebäude. Für diese muss ich Platz auf meiner Plantage finden – und plötzlich ist die Zuckerrohr-Parzelle zugebaut. Ich muss mir schon sehr genau überlegen, wie ein Gebäude in meinen Business-Plan passt.

Und dann muss ich ein Gleichgewicht finden zwischen meiner Ernte, meinen Lagerkapazitäten, meiner Produktion und den Absatzmöglichkeiten. Welche Produkte kann ich wann am lukrativsten verschiffen? Und kann ich sie denn bis dahin lagern, denn meine Rohstoffe können verderben.
ist das gut oder muss das weg?
Etwas erschwerend für den Einstieg ist die Einteilung in verderbliche Rohstoffe (Zitrus, Tabak, Zuckerrohr), haltbare Baustoffe (Holz, Wasser, Stein) und verarbeitete Waren (Rum, Zigarren). Hier hätte ich mir gewünscht, dass die Marker – wie schon die Rumflaschen und Zigarrenkisten – optisch realitätsnäher gestaltet worden wären. Mir würde das bei so mancher Lagerfrage helfen, wenn ich das Tabakblatt oder Zuckerrohr als solches erkenne. Thematisch und handlich hingegen sind die kleinen Zigarrenkisten aus Pappe, in denen das Spielmaterial gelagert wird.
für wen ist cubaneo?
Um nach Kuba auszuwandern, muss ich Kenner der örtlichen Gegebenheiten sein. Es gibt eine Menge zu bedenken und abzuwägen. Darin besteht für mich ein besonderer Reiz von Cubaneo. Wir spielen hier ein Euro-Game in der Karibik und das fordert wie das tropische Klima.
Cubaneo brilliert nicht durch ein Feuerwerk neuer Mechaniken – das hat man schon Cuba vorgeworfen und trotzdem landete es auf dem Treppchen des Deutschen Spielepreises – es verbindet Bekanntes wie die Charakterkarten, Gebäude, Plantagenparzellen zu einem Spiel, bei dem die Spannung hoch bleibt, denn die Punkteabstände bleiben bis zum Ende erstaunlich eng. Insofern passt der Mix an Bekanntem auch thematisch zum realen Inselstaat: Auch in Havanna fügen sich die unterschiedlichen architektonischen Stile der 500 Jahre Kolonialgeschichte zu einem attraktiven Gesamtbild zusammen – und die gewisse Patina rundet dieses Erlebnis trefflich ab.
Für mich ist Cubaneo deshalb nicht eine nostalgische Neuauflage sondern ein rundes, anspruchsvolles Eurogame, dessen Verzahnung von Wirtschaft, Politik und Timing auch heute wieder überzeugt.
Ich danke Deep Print Games für das Vorab-Exemplar von Cubaneo.

Diese Rezension stammt von Brettseggel Pete.
Pete spricht und schreibt am liebsten über Spiele, die er mag. Die anderen spielt er nicht oft genug, um sich ein Urteil anmaßen zu wollen.
