KOI – Ästhetik mit Biss
Selten gelingt es einem Spiel, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wenn das Thema mich nicht reizt. Und doch bin ich bei KOI hängengeblieben. Ich bin bei Fischen nun wahrlich kein Connaisseur, aber rein optisch machen diese hier doch selbst den Laien neugierig. Aber ist das nur Bling-Bling oder übersetzt sich diese Schönheit auch ins Spiel?
eine Rezension von Pete Schwär (Brettseggel)
KOI
Spielidee von Rosaria Battiato, Massimo Borzì, Martino Chiacchiera
Illustrationen von Emiliano Castellano
KOSMOS 2025
für 1-4 Personen in 45 Minuten
Plättchenlegen

darum geht’s in KOI
Im Spiel KOI schlüpfen wir in die Rolle gelehrter Sensei, wahrer Meister der Karpfenzucht. Die vor allem in Japan gezüchteten Zierfische symbolisieren Ausdauer, Stärke und Glück – und strahlen damit eine ganz besondere Exklusivität aus.
Mit diesem thematischen Rahmen wird der Ton gesetzt: Wir konkurrieren auf würdevolle Weise, in Gelassenheit, streben aber alle einen in perfekter Schönheit gestalteten Koi-Teich an.
steter tropfen füllt den teich
Wir Spielende gestalten jeder unseren eigenen Karpfenteich, indem wir Ufer-Bauteile, Wasser, Laub und Seerosen anbringen und Kois im Teich platzieren. Bin ich am Zug, habe ich die Wahl: Meditieren oder Arbeiten.
Bei der Meditation wähle ich eine Karte aus der zentralen Auslage und erhalte die mit dem entsprechenden Platz verbundene Belohnung in Form von Ressourcen. Mit den Karten stelle ich Gehilfen an oder erhalte einmalige Vorteile, sofort oder als Punkte am Spielende.

Gehilfen können während des weiteren Spiels dauerhaft genutzt werden, wenn ich ans Arbeiten gehe. Bei der Arbeit führe ich eine der Aktionen meines eigenen Spielbretts – der Sensei-Tafel – aus. Ich füge dabei meinem Teich neues Wasser, Laub oder Uferteile zu, in dem ich die entsprechenden Plättchen aus meinem Lager platziere.
Beim Arbeiten aktivieren sich auch meine schon angeheuerten Gehilfen mit. Diese führen dann weitere Aktionen aus oder bringen mir Ressourcen ein (z.B. Geld, Wasser- oder Laubplättchen). Das Auslösen einer solchen Kette von Effekten fühlt sich ausgesprochen belohnend an – wenn ich die Arbeit gut geplant habe. Der beste Teichbauer kann keinen Teich befüllen, wenn ich kein Wasser gelagert habe!
schwimmt da was?
Der schönste Teich bleibt jedoch unvollendet ohne die majestätischen Koi-Karpfen. Diese kommen in verschiedenen Größen vor und müssen zunächst erworben werden. Auch hier legen wir wieder Plättchen – diese sind allerdings bis auf die Koi selbst transparent und wirken dadurch fast dreidimensional.

So baue ich meinen Teich aus, je nach ausliegenden Aufgaben dekoriere ich meinen Teich mit Stein-Buddhas, Trauerweiden, Brücken, Wasserfällen oder Treibholz, wenn ich die jeweilige Voraussetzung erfüllt habe. Das fühlt sich sehr erfüllend an – aber auch als Auflösung nach einer großen Anspannung: Um diese Elemente findet ein Wettrennen statt, bei dem so mancher Sensei dann doch auch mal seine Gelassenheit verlieren kann, wenn der Kontrahent den letzten Buddha schnappt.
Gleiches gilt für die Auswahl einer Karte oder den Kauf eines der dicken Fische: Hier muss ich die anderen im Blick behalten und ihre Pläne lesen, wenn ich meine eigene Entscheidung treffe. Warte ich noch eine Runde, bis meine Wunschkarte an der Stelle meines Wunsch-Bonus liegt, oder wird sie mir dann weggeschnappt? Hat meine Nachbarin genug Münzen, um sich den letzten 3er-Koi zu schnappen?
ein kleines stück zen
Wie erfolgreich ich meinen Teich gestalte, hängt von mehreren Kriterien ab. Natürlich spielt die Größe meiner Kois eine zentrale Rolle. Der Koi erhält zusätzlich Punkte für angrenzende Seerosen. Sein Wert wird anschließend verdoppelt, wenn er vollständig von Wasser umgeben ist. Am Ufer aufgestellte Laternen und die in der jeweiligen Partie verfügbaren Dekorationen runden das Gesamtbild ab – also bringen nochmals Punkte.
wie spielt sich die karpfenzucht?
In der indirekten Interaktion rund um die Karten und Aufgaben und der damit zusammenhängenden Timing-Frage, wann ich meine Ressourcen zur Verfügung habe, um mit meinem Team an Gehilfen die beste Arbeit leisten zu können, liegen die Stärken des Spiels. Dabei verbirgt sich hinter der beschaulich-friedlichen Fassade des scheinbar solitären Teichbaus ein Wettbewerb, der mit zunehmender Spieldauer an Spannung gewinnt. Diese Kombination funktioniert erstaunlich gut.
Reizvoll finde ich die Ressourcenplanung. Immer wieder kann mir mein Lager einen Strich durch die Rechnung machen, wenn mir wieder ein Platz fehlt, um doch den größeren Koi zu platzieren. Diese Aufgabe verbindet sich sehr schön mit der Entscheidung, wann ich arbeite oder meditiere.

Die Gestaltung des Materials – Grafik, Bauelemente – trägt gut zu einem atmosphärischen Gesamtpaket bei. Die Koi sind vor allem optisches Highlight und sorgen für eine tolle Tischpräsenz.
Die spielerische Einbindung der Fische bleibt allerdings begrenzt. Die Koi sind das visuelle Herzstück des Spiels, mechanisch unterscheiden sie sich jedoch nicht nach ihrer Art oder Farbe. Allerdings hätte dies auch zu einer deutlich höheren Komplexität des Spiels führen können.
Einzig störend für die thematische Einbindung empfinde ich, dass der Teich zum Spielende nicht abgeschlossen sein muss – ein fertiger Teich bringt mir keine zusätzlichen Punkte, es schadet mir vermutlich sogar. Das heißt, wir schauen am Ende alle gewissermaßen auf eine Baustelle – so schön sie auch sein mag. Das steht für mich im Kontrast zu dem sonst erfolgreich vermittelten Gefühl, etwas Schönes und Ausgeglichenes zu erschaffen.

Durch die 10 verschieden kombinierbaren Aufgabenkarten und das zugehörige Material für Dekorationen sind Partien wie auch das entstehende optische Gesamtwerk von KOI abwechslungsreich. Durch die Unwägbarkeiten der Kartenfolge in der Auslage wird die Variabilität noch verstärkt. Das Spiel stellt damit bei jedem Zug neue taktische Herausforderungen.
für wen ist KOI?
KOI ist ein leichteres Kennerspiel mit besonderer Atmosphäre und gelungener thematischer Einbindung. Die verschiedene Mechanismen – Plättchen legen, Kartenauswahl, Ressourcenmanagement, Engine Building, Aktionswahl – greifen sehr gut ineinander und stellen den Sensei immer wieder vor taktische Entscheidungen. Wer mehr Kontrolle und Planbarkeit für sein Spiel sucht, wird hier wohl eher mal das innere Gleichgewicht verlieren. Somit ist KOI insgesamt deutlich kompetitiver, als die Optik vermuten lässt.
Mir hat die Zucht der Koi-Karpfen gezeigt: Es lohnt sich, auch mal ein Spiel auszuprobieren, das thematisch für mich so weit weg liegt wie Japan. Die Reise dorthin soll sich ja auch lohnen.

Diese Rezension stammt von Brettseggel Pete.
Pete spricht und schreibt am liebsten über Spiele, die er mag. Die anderen spielt er nicht oft genug, um sich ein Urteil anmaßen zu wollen.
