Reforest – großer Wald in kleiner Schachtel
Wer den Brettseggel-Podcast hört, weiß es vielleicht schon: In einem nächsten Leben werde ich Förster. Bäume und ihre Funktionen für Luft, Wasser, Boden oder als Ressource üben eine große Faszination auf mich aus. In Reforest steht der Wald als Lebensraum im Mittelpunkt: Wir schaffen mit Karten ein Waldökosystem, in dem sich die einzelnen Pflanzen – Bäume, Kräuter, Farne, Sträucher – gegenseitig beeinflussen. Gelingt das besonders gut, locken wir zudem noch Tiere in unseren Wald.
eine Rezension von Pete Schwär (Brettseggel)
Reforest
Spielidee von Sébastien Bernier-Wong
Illustrationen von Janine van Fram
Boardgame Circus 2026
für 1-4 Personen in 30-60 Minuten
Hand Management

darum geht’s in reforest
Das Ziel ist schnell erklärt: Wir bepflanzen einen ganzen Berg – allerdings nur auf drei Ebenen und auf insgesamt nicht mehr als sechs Kartenplätzen, die in Pyramidenform aufgebaut werden.
Es geht in Reforest also darum, eine möglichst günstige Kombination von Effekten sicherzustellen. Aus einzelnen Pflanzen soll ein funktionierendes Ökosystem wachsen. Dabei verändert jede neue Pflanze das Gleichgewicht des Waldes. Manchmal lohnt sich ein großer Baum wie der Oregon-Ahorn mehr als mehrere kleine Kräuter, manchmal zerstört genau dieser Baum aber eine wichtige Kombination.

so wird gespielt
In meinem Zug wähle ich zwischen zwei Aktionen – zwei Karten aufnehmen oder eine Karte ausspielen. Die neuen Karten bekomme ich aus der offenen Auslage oder vom verdeckten Nachziehstapel.
Eine Karte auszuspielen – also eine Pflanze zu pflanzen – ist mit Kosten verbunden, die ich mit abzuwerfenden Karten bezahle. Jede Pflanze darf dabei nur in eine gewisse Höhenlage gesetzt werden, will also beispielsweise nur auf der mittleren Ebene oder auf dem Gipfel gepflanzt werden.
Mit dem Ausspielen jeder Karte wiederum ist ein Effekt verbunden: einmalig, dauerhaft oder in Bezug auf die Endwertung. Später können Karten mit neuen Pflanzen überdeckt werden – diese müssen allerdings zwingend größer sein und überdecken die „im Unterholz“ angesiedelten. Und: Der Effekt der überdeckten Pflanze geht dabei verloren.
tiere und taktik
Durch die ständig wechselnde Auslage und den hohen Kartendurchlauf infolge der abgeworfenen Bezahlkarten ist Reforest stark taktisch geprägt und erfordert jeweils kurzfristige Entscheidungen je nach Kartenhand. Die Tierkarten als Rundenziele geben mir dabei eine gewisse strategische Richtung vor, die aber mein Handeln nicht zwingend beeinflussen muss. Dabei sind eher die verschiedenen Wege zu punkten insgesamt zu betrachten: Neben den Tieren bringen ausgespielte (auch überdeckte) Pflanzenkarten Punkte, ebenso wie Endwertungseffekte von Karten oder die Dichte des Ökosystems, gemessen an der (niedrigsten) Höhe der Stapel auf den drei Ebenen.

Kniffliger wird es dann schon, wenn ich Reforest auch gut spielen möchte – mein Ökosystem also besser als das der anderen sein soll. Das erfordert geschicktes Nutzen und Kombinieren von Effekten, ein Gespür dafür, wann ich eine Pflanze überdecke, und die Bereitschaft, mich doch mal von einer Karte zu trennen, die ich eigentlich unbedingt an den Berg bringen wollte. Auch wenn ich sie dann zum Bezahlen nutze, kann ich zumindest noch darauf hoffen, sie später wiederzubekommen: Der Ablagestapel wird nach jeder Runde mit den neuen Karten zusammengemischt – „die Pflanzen wachsen nach“.
schau dich gerne mal um
Ich sollte auch meine Mitspielenden im Auge behalten – lohnt es sich noch zu versuchen, das Tier der Runde mit meinen Pflanzen anzulocken, oder liege ich schon zu weit zurück? Welche Karte könnte meine Mitspielerin dringend brauchen – und sollte ich sie deshalb vorher nehmen?
geschickt gesetzte baumgrenze
Wer übrigens meint: „Ich habe schon ein tolles Kartenspiel mit Bäumen“, dem sei gesagt: Reforest ist kein Wettbewerber für Mischwald ↗ im spielmechanischen Sinne. Bei Mischwald steht Set-Collection im Vordergrund und die günstige Kombination von Bäumen und Tieren. Bei Reforest hingegen betreibe ich Hand-Management und habe räumliche sowie zeitliche Aspekte (das Überdecken) zu beachten. Im Vergleich der beiden ungleichen Spiele hat Reforest zwei für mich ganz wesentliche, eher ‚administrative‘ Vorteile: Mein Spielbereich bleibt auf die Auslage von sechs Karten begrenzt und wächst nicht unplanbar in alle Richtungen. Gleichzeitig überdecke ich Karten und muss sie nicht mühsam unter bereits ausliegende pfriemeln.

fast ein wunderwald
Die Ausmaße von Reforest sind auch in einer weiteren Hinsicht bemerkenswert: Das Spiel besteht nur aus etwas mehr als 100 Karten und kommt in einer Schachtel von gerade einmal 9 x 7 x 4 cm daher – das entspricht etwa zwei dicken Tannenzapfen. Wenn ich dann die Spieltiefe betrachte, muss ich sagen: Da ist ein ganz schön großer Wald sehr klein verpackt.
Die Wälder, die Reforest wachsen lässt, entstammen der nordamerikanischen Pazifikküste. Das sorgt nicht unmittelbar für einen leichten thematischen Zugang, denn die Shallon-Scheinbeere oder den Gagelstrauch kennt man eben nicht aus dem heimischen Kräutergarten. Botanisch interessierte Spielende können aber einiges entdecken. Ich persönlich erhoffe mir eine zukünftige Schwarzwald-Edition – Vetter Mischwald hat es vorgemacht, Reforest hat meines Erachtens ebenfalls das Potenzial für Ableger.

für wen ist reforest
Die einfachen Regeln – zwei Karten aufnehmen oder eine Karte spielen – bringen auch eine erste Partie schnell in Gang. Der Aufbau der Pflanzenkarten erinnert stark an Flügelschlag – auch das erleichtert den Einstieg. Da nutzt das Spiel durchaus geschickt Bewährtes.
Reforest zeigt eindrucksvoll, wie viel Spieltiefe in etwas mehr als hundert Karten stecken kann. Wer Spaß daran hat, mit kleinen, taktischen Entscheidungen ein großes Ganzes zu entwickeln, kann diesen Wald immer wieder neu wachsen lassen. Reforest bietet eine herausfordernde Aufgabe bei sehr überschaubarer Spielzeit, in der keine Downtime aufkommt. Die kleine Größe macht es übrigens zum idealen Mitnahmespiel – ob für den Spieleabend oder den Urlaub, denn es passt sogar auf den Campingtisch.

Diese Rezension stammt von Brettseggel Pete.
Pete spricht und schreibt am liebsten über Spiele, die er mag. Die anderen spielt er nicht oft genug, um sich ein Urteil anmaßen zu wollen.
