von der Ursuppe bis zu postapokalyptischen Spielen – Interview mit Stefan Dorra

Seit den allerersten Tagen von Alles außer Toplisten hegte JäiDie einen ganz besonderen Wunsch: ein Interview mit dem Spieleautor zu führen, der ihm unzählige großartige Brettspiel-Momente geschenkt hat – Stefan Dorra. Er wollte mehr über den Menschen hinter den Spielen erfahren und nahm Kontakt auf.

Stefan lehne es zwar ab, im Podcast interviewt zu werden. Dafür signalisierte er seine Bereitschaft, JäiDies Fragen schriftlich zu beantworten. Das Angebot nahm er natürlich sehr gern an. Den vollständigen Austausch zwischen den beiden gibt’s hier für euch.


JäiDie: Wie bist du zum Entwickeln von Brettspielen gekommen, Stefan?

Stefan Dorra: Ich habe bereits als Jugendlicher Brettspiele gern mit neuen Regeln erweitert. Unter anderem habe ich mit Freunden Stratego ↗ mit laufenden Bomben auf zwei Spielfeldern gespielt, auf denen es Beamfelder gab, mit deren Hilfe man sich auf das jeweils andere Spielfeld teleportieren konnte. Und da ich mich sehr für Spiele interessierte, habe ich später als angehender Sprachtherapeut eigene Spiele entworfen, mit denen ich meine sprachauffälligen Schüler und Schülerinnen fördern wollte.

JäiDie: Erinnerst du dich noch an dein erstes veröffentlichtes Spiel?

Stefan Dorra: Bei der Entwicklung eines Förderspiels entstand dann irgendwann auch eine Kartenspielidee ohne sonderpädagogische Hintergedanken. Und da das Spiel im Freundeskreis richtig gut ankam, habe ich es spaßeshalber mal den Ravensburgern vorgestellt. Die waren dann auch tatsächlich an dem Spiel interessiert und haben es 1992 als Razzia veröffentlicht. Razzia wurde auf die Empfehlungsliste zum Spiel des Jahres 1992 gewählt, und das hat mich dann natürlich sehr motiviert, weitere Spiele zu entwickeln.

JäiDie: Gab es einen Moment, in dem Du dachtest: „Spiele zu erfinden könnte mein (Haupt-)Beruf werden“?

Stefan Dorra: Nein, ich habe nie erwogen, hauptberuflich als Spieleautor zu arbeiten. Für mich ist es nach wie vor ein interessantes Hobby, mit dem ich mich gern beschäftige.

von der idee zum spiel


JäiDie: Wie entsteht bei Dir eine neue Spielidee?

Stefan Dorra: Spielideen entstehen bei mir sehr unterschiedlich. Ich habe oft einen spielerischen Blick auf die Welt und lasse mich manchmal von irgendwelchen Erlebnissen inspirieren. Das können merkwürdige Felsformationen sein, oder Hölzer, die sich im Fluss bewegen, oder ein Flötenspieler, der auf einem Marktplatz auftritt.

JäiDie: Beginnst Du deine Projeke eher mit einem Thema oder mit einer Spielmechanik?

Stefan Dorra: Ich beginne ein neues Spiel oft mit einem für mich interessanten Mechanismus. Wenn da ein paar Regeln schön ineinandergreifen, suche ich nach einem passenden Thema. Dieses Thema bestimmt dann den weiteren Werdegang der Spielidee.

JäiDie: Wann weißt Du, dass ein Spiel ‚fertig‘ ist?

Stefan Dorra: Es gibt im Freundeskreis eine Spielgruppe sehr kompetenter Spieler, die sich einen Spaß daraus machen, meine neuen und manchmal auch noch nicht ganz ausgereiften Spielideen ‚zu zerstören‘. Wenn ein Spiel diese Hürde überwindet und als reizvoll empfunden wird, ist es meist schon fertig.

JäiDie: Was macht für dich den Unterschied aus, ein Spiel für Kinder oder ein Spiel für Erwachsene zu entwickeln?

Stefan Dorra: Ich beschäftige mich gern mit Kartenspielen und Brettspielen, die eher im Familien- und Kennerspielbereich angesiedelt sind. Neue Kinderspiele zu entwickeln, ist für mich deutlich schwieriger, da viele Mechanismen für jüngere Kinder zu komplex sind und viele einfache Mechanismen bereits verwendet wurden. Die meisten Kinderspiele, mit denen ich mich beschäftigt habe, wurden gemeinsam mit Manfred Reindl ↗ aus Linz entwickelt. Er interessiert sich sehr für Kinderspiele und hat manchmal interessante Ansätze, die wir dann gemeinsam bearbeiten.

Manfred Reindl – Quelle Schmidt Spiele

rückblick auf das eigene werk


JäiDie: Welches Deiner Spiele bedeutet Dir persönlich am meisten – und warum?

Stefan Dorra: Ich bin ein absoluter Stichspielfan und habe in jungen Jahren über verschiedene Stichspiele das Spielen für mich entdeckt. Ich selbst habe mit Njet ↗, Oracle ↗, Wizard Extreme ↗, Land unter ↗ und zuletzt auch Skull Queen ↗ mehrere Stichspiele entworfen. Von diesen Kartenspielen bedeutet mir Wizard Extreme am meisten, zumal es im Freundeskreis auch am häufigsten gespielt wird. Von meinen Brettspielen bedeutet mir Medina am meisten. Das Spiel ist leider nicht mehr erhältlich, aber es kann auf Boardgamearena gespielt werden.

JäiDie: Gibt es ein Spiel, das heute anders aussehen würde, wenn Du es neu entwickeln würdest? Beziehungsweise gibt es ja Neuauflagen deiner Spiele: Wie gehst Du an einen solchen Prozess?

Stefan Dorra: Der südkoreanische Verlag Gameology ↗ hat unter seiner Brettspielmarke Playte ↗ mehrere meiner Titel neu veröffentlicht. Ich habe die Chance gesehen, die Titel noch etwas zu optimieren. Das Spiel Bantam (eine Inselgruppe vor Singapur) ist beispielsweise eine Neuauflage des Spiels Tonga Bonga ↗. Anstatt quadratischer Felder wurden jetzt Sechseckfelder verwendet, die den Schiffen mehr Bewegungsmöglichkeiten einräumen. Das Spiel Sardegna ist eine Neuveröffentlichung von Kreta ↗. Allerdings passt Kreta mit seiner länglichen Ausdehnung nicht auf den faltbaren Spielplan der Playte-Schachtel. Deshalb musste das Spielgeschehen auf das rundlichere Sardinien verlegt werden. Im Herbst 2026 wird eine neue Auflage von Hellas ↗ erscheinen. Hier wird es aber keine Regeländerungen geben.

JäiDie: Welches Deiner Spiele hat Dich mit seinem Erfolg am meisten überrascht?

Stefan Dorra: Mein erfolgreichstes Spiel ist das Kartenspiel For Sale. Das Spiel ist besonders in den USA sehr beliebt und wurde bislang mehr als 1 Million Mal verkauft. Für mich war das tatsächlich etwas überraschend. In Deutschland wird das Spiel aktuell im Verlag Spiel Das! ↗ vertrieben.


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Dann spricht Stefan Dorra über die Themen Zusammenarbeit, aktuelle Trends und seine Lieblingsspiele.

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